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PICASSO COLORS & TEARS

ALFRED WEIDINGER: Wie hat sich Ihr künstlerisches Schaffen durch die, während der Corona-Krise erfolgte, intensive Beschäftigung mit Pablo Picasso und insbesondere seiner Werkgruppe „Weeping Woman“ und das Monumentalgemälde „Guernica“ verändert?

PETER BALDINGER: Nun, ich denke ja, dass ich eigentlich in vielerlei Hinsicht immer das gleiche tue. Ich kämpfe mich mit meinen Methoden der Verunschärfung, der Vergröberung, der Auflösung meiner Sujets stets an den Rand der Unlesbarkeit heran. Irgendwie will ich mit meiner Kunst sagen: Es ist nicht alles das, was du auf den ersten Blick zu sehen glaubst. Aber Sie haben recht, bei diesen Arbeiten hat es einen weiteren Schritt gegeben. In Picassos analytischem Kubismus sind die Sujets ja bereits zerlegt und neu zusammengesetzt. Mein zusätzlich über diese Arbeiten gelegter Filter verstärkt den Eindruck, letztlich den Ausdruck, ein weiteres Mal. Mich schockiert, was dabei entstanden ist.

ALFRED WEIDINGER: Welche Verbindung erkennen Sie zwischen Picassos Werken und den Herausforderungen, die durch die Pandemie hervorgerufen wurden?

PETER BALDINGER: Ich habe genau in der Pandemie mit dieser Serie begonnen. Zum ersten mal in meinem Leben war ich derart eingeschränkt. Ich meine gar nicht materiell, das ist vielleicht ein zusätzlicher Aspekt. Nein, eingeschränkt in meiner Bewegungsfreiheit. Man konnte ja praktisch das Haus nicht verlassen. In so einer Ausnahmesituation kommt es dann zu ganz anderen Gesprächen, anderen Gedanken, als wenn alles seinen gewohnten Gang nimmt. und frei von Terminen und gesellschaftlichen Verpflichtungen gab es plötzlich scheinbar so viel Zeit zur Verfügung. Meine Frau und ich haben gemeinsam gekocht und lange Gespräche geführt, auch über Konflikte, über Unstimmigkeiten. Wie gesagt, es war eine Ausnahmezeit. Und da lag irgendwo auf einem unserer Bücherstapel der Band „Picasso and the Weeping Women“ zufällig obenauf. Es hat einfach gepasst. Der Umstand, dass die Fernsehnachrichten ständig voller Leid waren, dass ständig über vermehrtes unvermitteltes Sterben berichtet wurde, hat mich in das Thema hineingesogen. Und natürlich habe ich mich dann auch mit dem immerwährend schiefen Verhältnis zwischen Mann und Frau auseinandergesetzt. Frauen müssen zwangsläufig weinen, wenn sie unter Schmerzen Kinder gebären, Mütter und Ehefrauen weinen seit Menschengedenken um verlorene Männer und Söhne, die aus kriegerischen Auseinandersetzungen nicht heimkehren. Und letztlich müssen sie nur zu oft auch über das Verhalten anwesender Männer weinen. Das trifft nicht nur auf Picassos Musen zu, da habe sicher auch ich im Leben viel falsch 
gemacht.

ALFRED WEIDINGER: Inwiefern spiegelt sich der 50. Todestag von Pablo Picasso in Ihrem neuesten Schaffenszyklus wider? Welche Aspekte seines Erbes haben Sie besonders inspiriert?

PETER BALDINGER: Jetzt, 2023, ist Picasso wieder in aller Munde. Und nicht zuletzt wegen seines Machismos auch viel kritisiert. Correctness und Wokeness fordern freilich die Zerstörung des Idols. Naja, er sagte ja selbst, es gäbe für ihn zwei Sorten von Frauen, Göttinnen und Fußabstreifer. Das ist nicht zu beschönigen, aber, auch wenn ich jetzt dafür geächtet werde, es war in einer Zeit, als Kinder und Schüler noch mit Schlägen gezüchtigt wurden, was als ganz normal galt. Man kann die Vergangenheit nicht korrigieren und Auslöschung ist immer nur eine Idee dunkelster Mächte. Ich bin von Picassos Vielfalt, seiner Spontaneität inspiriert, davon, dass er, egal was er angreift, zu Kunst macht. wenn ich die Fotos seiner Domizile betrachte, in Paris oder Südfrankreich, sie zeigen immer Räume voller Leben und Kunst. Es wird gelebt und Kunst gemacht. Dauernd.

ALFRED WEIDINGER: Picasso war bekannt für seine Fähigkeit, abstrakte Formen zu nutzen, um tiefgründige Botschaften zu vermitteln. Wie integrieren Sie diese abstrakten Ansätze in die eigenen Werke und wie interpretieren Sie seine Abstraktion neu?

PETER BALDINGER: Ich glaube nicht, sagen zu können, dass ich dazu imstande bin, tiefgründige Botschaften zu vermitteln. meine Annäherung an die Abstraktion ist ein rein formaler Aspekt. Verunklärung macht mir Spaß, weil sie sich positiv auf den malerischen Akt auswirkt. im Falle meiner Neuinterpretation von Picassos Werken ergibt sich das von selbst.

ALFRED WEIDINGER: Ihre gegenständliche Werkgruppe scheint eine weitere Form der Abstraktion auf Picassos bereits abstrahierte Werke anzuwenden. Was ist Ihre Intention hinter dieser weiteren Abstrahierung und welche Auswirkungen erhoffen Sie sich dadurch auf den Betrachter?

PETER BALDINGER: Ja, es ist, wie Sie sagen, meine Methode ergibt praktisch eine Verdoppelung des Effekts. Das war für mich eine neue Herausforderung. Und das faszinierende am Ergebnis ist, dass der Rezipient die Verwandtschaft zwischen der Vorlage und meiner Arbeit beim ersten Blick spürt. Die Herkunft ist nachvollziehbar. Das ist etwas, worauf ich bei allem und in jeder Lebenslage großen Wert lege.

ALFRED WEIDINGER: Welche technischen und kreativen Herausforderungen begegnen Ihnen beim Versuch, Picassos abstrakte Formen mit eigenen Werken zu interpretieren und gleichzeitig aber den eigenen künstlerischen Stil beizubehalten?

PETER BALDINGER: Wenn Sie nach dem Stil fragen, dann halte ich es mit dem wunderbaren abstrakten Expressionisten Willem de Kooning, der sagte „Stil ist Betrug“, und da sind wir ja wieder bei Picasso. Seine Arbeit ist unverwechselbar, obwohl er sich durch die Jahrzehnte seines Schaffens praktisch aller denkbaren Stile bedient hat. Ich glaube, dass die Wiedererkennbarkeit der künstlerischen Arbeit vor allem von der gleichbleibenden Intention lebt. An der Serie über Picassos „Weeping Women“ zu arbeiten, war also weniger eine technische Herausforderung als, im Vergleich zu meinen jahrelang praktizierten low_resolution_paintings eine Befreiung.

ALFRED WEIDINGER: Können Sie über die großen Bildthemen erzählen, die Sie dazu bewegt haben, sich mit den Werken eines Meisters wie Picasso auseinander-zusetzen? Wie sehen Sie seine Themen im Kontext der heutigen Welt?

PETER BALDINGER: Letztlich geht es immer um die conditio humana, es wird geliebt und gestorben, gehasst und bekämpft, gehofft, gesehnt und verzweifelt. Seit dem „Sündenfall“. Damit beschäftigt sich die Kunst seit jeher. Und gerade ich als Autodidakt, bin gerade zu versessen, mich in die Kunstgeschichte zu vertiefen und aus ihr zu schöpfen. Egal, ob in die Alten Meister oder eben Picasso. Wobei gerade er das ganze Universum auf seine Leinwände und Papiere bannte, die Mythologie, die Schönheit, das Leid und die Armut, den Krieg, alles …

ALFRED WEIDINGER: Welche Elemente von Picassos „Weeping Woman“ und „Guernica“ haben Sie im gegenständlichen Schaffenszyklus aufgegriffen und wie haben Sie sie in einem zeitgenössischen Kontext neu interpretiert?

PETER BALDINGER: Es war das Porträt an sich, das mich interessiert hat, ein Sujet, das in meiner Arbeit eine sehr wichtige Rolle einnimmt. In meiner Hinter-kopf-Serie „unidentified“, in meinen „diffusions“, in den „low_resolution_paintings“, immer war das Porträt ein Hauptthema. Ich interessiere mich für die 
Ahnung der Erkennbarkeit des Individuums. „Das könnte doch der oder die sein“, das Erfordernis eines zweiten Blicks. Picassos „Weeping Women“ sind da schon einen Schritt weiter. Da ist vor allem eines zu erkennen, der Schmerz. Naja, und „Guernica“ ist zur Gänze ein Aufschrei. Als ich das erste Mal im Reina Sofia vor dem Bild gestanden bin – freilich nicht alleine, das gelingt einem nicht – war ich wirklich überwältigt. Ergriffen. Und das ist, finde ich, doch genau die Aufgabe von guter Kunst: sie muss einen ergreifen. Meine Neuinterpretationen dieser Werke hatten es eigentlich leicht. Da war die Pandemie, überall kriegerische Auseinandersetzungen, verheerende Umweltkatastrophen nehmen zu. Ich arbeitete also unter dem Eindruck der unmittelbaren Aktualität der 
Bilder über das Weinen.

ALFRED WEIDINGER: Die Abstraktion hat Picasso weit vorangetrieben. Wie haben Sie seine verschiedenen Formen der Abstraktion in das eigene Schaffen integriert und weiterentwickelt? Um eine tiefere Bedeutung oder eine neue Perspektive zu schaffen?

PETER BALDINGER: Nun, meine Versuche der Annäherung an die Abstraktion haben alle eines gemeinsam. Sie schaffen einen neuen Betrachtungsspielraum, eröffnen neue Perspektiven. Ich halte es für so wichtig, nicht alles, was man sieht oder liest, gleich für die unumstößliche Wahrheit zu halten. Heutzutage, mit den zahlreichen superschnellen Medien ist das noch wichtiger denn je. Eben ein zweites Mal hinzuschauen, wie ich schon gesagt habe. Der Kulturtechnik des Vorurteils, mit der wir uns zu schützen glauben, noch eine weitere Übung draufzusetzen, jedenfalls zu versuchen, sich ein wirkliches Urteil zu bilden.

ALFRED WEIDINGER: Welche Botschaft möchten Sie den Betrachtern vermitteln und wie möchten Sie sie dazu anregen, über die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart nachzudenken?

PETER BALDINGER: Die Gegenwart ist der jeweils letzte Augenblick der Vergangenheit. Dieser also eröffnet die Möglichkeit zur Veränderung in der hier beginnenden Zukunft. Ich will sagen, es kommt alles irgendwo her. Nichts 
beginnt bei null. Und was die Kunst anbelangt, bin ich vollkommen davon überzeugt, dass man nichts erschaffen kann, ohne sich mit denen zu beschäftigen, die es schon zuvor probiert haben.

PETER BALDINGER IM PORTRAIT

Als news.at mich in meinem Atelier besucht hat, ist dabei ein Beitrag über meine Arbeit und meinen Zugang zur Kunst entstanden. Im Artikel und im...

NUDE DIFFUSIONS

4.–23. September 2025
zeigt Akte von PETER BALDINGER aus der Serie Nude-Diffusions, kuratiert von ANNE AVRAMUT...