Medium und Message
„Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“ Mit diesen Worten formulierte der französische Literat und Nobelpreisträger André Gide ein Plädoyer auf das kritische Denken (André Gide, So sei es oder Die Würfel sind gefallen, 1953).
Der Appell zur kritischen Reflexion ist zeitlos und gerade im digitalen Zeitalter, das von Schnelllebigkeit und unstrukturierter Informations- und Bilderflut geprägt ist, von hoher Bedeutung. Für den 1958 geborenen Künstler Peter Baldinger ist das Hinterfragen des Sichtbaren, des sinnlich Erlebbaren ein zentrales Leitmotiv in seiner Arbeit. Baldinger war bis in die 1990er als Reporter für Tageszeitungen tätig und diese Zeit als Journalist hat ihn und sein künstlerisches Schaffen nachhaltig geprägt. Mediale Berichterstattung ist verknappt und ausschnitthaft und damit ist das, was wir in Medien sehen und lesen können zwangsläufig nur ein Fragment und Teil eines größeren Ganzen. Schon in seinen frühen Schaffensjahren sind Zeitungen und Magazine vielfach Bildvorlagen für Sujets wie etwa in der Serie „Yesterday’s News“. In diesen Arbeiten zeichnet sich ein für Baldinger wesentlicher formaler Aspekt ab – das Verfremden und Verunklären des Bildgegenstandes. Zeitungstexte werden geschwärzt, Bilder übermalt und die Dargestellten zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Die grundsätzliche ästhetische Komponente des Printmediums bleibt jedoch bestehen und ist für den Betrachter erkennbar. Zwei zentrale Dimensionen, die Peter Baldingers Œuvre charakterisieren, klingen in diesem Bildzyklus an: zum einen die Fragestellung, wie viel sichtbare Information der Rezipient benötigt, um den Bildgegenstand zu identifizieren. Zum anderen reflektiert er den Umgang mit Realität in Medien und die Diskrepanz zwischen medialen Bildern und deren Wahrheitsgehalt. 2018 setzte Baldinger mit der Intervention „Fake News“ ein Plakatprojekt im öffentlichen Raum um. Dabei zeigt er im Modus seiner in Pixel grob gerasterten „low_resolution“-Bilder jeweils zwei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und platziert etwa ein Mitglied der regimekritischen Band Pussy Riot neben Wladimir Putin, der der Sängerin einen Blumenstrauß überreicht – ein Zusammentreffen, das so natürlich nie stattgefunden hat. Seine Intention ist wiederum, die Menschen zum genauen Hinschauen und zur kritischen Überprüfung zu animieren – denn Erkennbarkeit ist nicht mit Erkenntnis gleichzusetzen und wir alle erliegen Täuschungen. Diese Aufforderung ist angesichts der rasant fortschreitenden Weiterentwicklung von Artificial Intelligence und einer sich verändernden medialen Landschaft höchst relevant.
Alte Meister neu betrachtet
Nicht nur aktuelles, über die Medien vermitteltes Tages-geschehen beschäftigt den Künstler Peter Baldinger. Sein Interesse gilt auch den universellen Themen der Menschheitsgeschichte, die über Jahrhunderte Sujets in der bildenden Kunst sind. Die Medien und die Kunstgeschichte geben gleichermaßen Auskunft über die Beschaffenheit der Welt zu einem spezifischen Zeitpunkt. Der Künstler sieht darin auch epochenübergreifende ästhetische Analogien – so würden etwa zeitgenössische Straßenkämpfe optische Parallelen zu Schlachtenszenen vergangener Jahrhunderte aufweisen.
Baldinger hat bereits seit jungen Jahren kontinuierlich gemalt und gezeichnet. Der Autodidakt hat sich durchgängig intensiv mit der Kunstgeschichte beschäftigt und die Meister der Vergangenheit studiert. Er selbst betrachtet Kunst immer aus ihrer Tradition heraus. Zeitgenössische Kunst markiert für ihn den Punkt einer Entwicklung. Zahlreiche Zitate ikonischer Werke der Kunstgeschichte dokumentieren Baldingers Auseinandersetzung mit den alten Meistern ebenso wie mit den Heroen der Moderne. In den 1990er Jahren bildet etwa das Porträt einer „Dame mit Eichhörnchen und Star“ von Hans Holbein dem Jüngeren den Ausgangspunkt für mehrere Holzschnitte und Pastelle, in denen er das Werk – als solches für den Rezipienten oft noch erkennbar – neu interpretiert. Über mittlerweile vier Jahrzehnte schöpft er aus dem Bildkosmos zweier seiner großen Vorbilder – Francisco de Goya und Diego Velázquez – nach letzterem ist die Serie „Ich war Velázquez“ entstanden. Auf ein Meisterwerk des Spaniers hat Baldinger dabei einen besonderen Fokus gelegt, das Bildnis von Papst Innozenz X, das bekanntlich auch auf Francis Bacon eine besondere Faszination ausübte. Bacon, der sich wie Baldinger der europäischen Bildtradition bedient, hat eine Reihe von expressiv-düsteren Papstbildern geschaffen.
Peter Baldinger nähert sich dem Bildsujet auf unterschiedliche Weise: In seinen frühen Arbeiten zeichnet er einen Ausschnitt des Gemäldes – das Antlitz des Papstes – detailgetreu nach dem Vorbild. Die Augen des höchsten kirchlichen Würdenträgers werden jedoch von einem schwarzen Zensurbalken verdeckt. Dieser Anachronismus deutet ein in Baldingers Werk dominantes Wechselspiel von Anonymisierung und Erkennbarkeit bereits an, obgleich die Identifikation des Porträtierten in diesem Fall leichtfällt. Es sind Gleichzeitigkeit und Widerspruch von Gegenständlichkeit und Abstraktion, die Baldingers spätere Arbeiten – wie die „Diffusions“ und vor allem die „low_resolution“-Bilder charakterisieren. Mit seinen spezifischen visuellen Filtern paraphrasiert er Velázquez Papstporträt mehrfach. So betrachtet er es einerseits durch eine Riffelglasscheibe und erzeugt damit einen Verfremdungseffekt und eine Auflösung der Kontur und zerlegt das Porträt andererseits in grobe Pixel, sodass es nur mit entsprechendem Betrachtungsabstand identifiziert werden kann. Jenen Rezipienten, die das Velázquez Papstbildnis kennen, wird sich der Bildgegenstand trotz der Auflösungseffekte erschließen.
In zwei rezenten Bildserien hat sich Baldinger mit Pablo Picassos Weeping Women-Darstellungen und den Frauenbildern von Willem De Kooning befasst. Der diesen Bildern bereits immanente hohe Abstraktionsgrad wird in Baldingers Paraphrasen noch weiter vorangetrieben. Die Auflösung der Form setzt in der bildenden Kunst im ausgehenden 19. Jahrhundert ein und wird im 20. Jahrhundert in mannigfaltigen Ausprägungen – der Dekonstruktion, Fragmentierung oder Unschärfe – ihre Fortsetzung erfahren. Peter Baldinger hat mehrere formale Methoden entwickelt, die in ihrer Erscheinung unterschiedlich sein mögen, denen jedoch sehr ähnliche Überlegungen zugrunde liegen. Dabei spielt seine Reflexion über die Veränderung der Dinge und die Flüchtigkeit der sinnlich wahrnehmbaren Welt eine bedeutende Rolle. Er fordert die Betrachter seiner Bilder dazu auf, über ihre eigene Wahrnehmung, ihre Standpunkte nachzudenken. Auf formaler Ebene wird das vor allem in seiner Werkgruppe der „low-resolution“-Bilder offenkundig, bei denen sich der figurative Bildgegenstand erst im Auge der Rezipienten konstituiert.
Das gesichtslose Porträt
Peter Baldingers Bilder verlangen nicht nur die Konstruktion des figurativen Bildsujets im Auge des Betrachters, sondern auch die Vervollständigung und Ergänzung des Nicht-Sichtbaren im Kopf. Neben den bereits antizipierten visuellen Filtern, welche die Form auflösen, spielt auch das Verbergen eine Rolle in seiner Kunst. Ende der 1990er Jahre beginnt Baldinger mit dem Zyklus „unidentified“, einer Reihe von Hinterkopf-Ansichten. Die Porträtierten sind aus dem Umfeld des Künstlers ebenso wie unbekannte Personen. Zuletzt entstanden mit den 2026 gemalten Hinterköpfen von Donald Trump und Wladimir Putin zeithistorische Dokumente zweier Regenten, die maßgeblichen Einfluss auf aktuelle Krisen und globale Konflikte haben. Die Bezeichnung „unidentified“ suggeriert, dass die porträtierten Modelle nicht erkennbar seien. Tatsächlich weisen die detailliert ausgearbeiteten Hinterköpfe signifikante individuelle Merkmale der Dargestellten auf, die anhand von Kopfform, Haar und Hals identifiziert werden können – sofern man die porträtierten Menschen kennt. Besonders augenfällig wird das an den genannten Bildern von Trump und Putin nachvollziehbar. Es ist also eine scheinbare Anonymisierung, die in dieser Form von Bildnissen erfolgt. Die Abwendung des Gesichts vom Betrachter erzeugt jedoch Distanz und verbirgt die Emotionen, die in Gesichtszügen lesbar sind. Vielleicht ist dieses bewusste Verbergen wiederum eine Reaktion Baldingers auf die Bilderflut von Massenmedien. Hans Belting spricht im Kontext dieser Bilderflut von einer schablonenhaften Entleerung und Verflachung des Gesichts, ja sogar von einem Verlust des humanistischen Gesichts, das zur Ware wird (Hans Belting, Faces. Eine Geschichte des Gesichts, 2013, S. 214). Die Inflation von Bildern, die tagtäglich unter anderem über Social Media-Kanäle ausgeliefert werden, werfen zahlreiche Fragen über die Reproduktion von Gesichtern und die visuelle Wahrnehmung im digitalen Zeitalter auf. Peter Baldinger möchte mit seiner Kunst keine Antworten, aber Denkanstöße geben.
Zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit
Mit dem Realitätsbegriff im Kontext von Medien hat sich Peter Baldinger bereits in seinem Frühwerk beschäftigt, ebenso mit dem Informationsgehalt von Bildern. 2009 beginnt er die Werkserie „facebook“, in welcher er diesen Fragestellungen mit einer neuen formalen Methode begegnet. Der Künstler beginnt mit einer Reihe von Porträts, die jeweils aus quadratischen Farbfeldern bestehen, also in grobe Pixel aufgelöst sind. Diese „low_resolution“-Bilder bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, Sichtbarkeit und Nicht-Sichtbarkeit. Aus der Nähe betrachtet sind nur abstrakte Farbfelder erkennbar, je größer die Distanz zum Kunstwerk ist, desto klarer erschließt sich der abgebildete Gegenstand. Mit den unterschiedlichen Perspektiven auf ein und dasselbe Bild führt uns der Künstler wiederum die ständige Veränderung, der unsere Wahrnehmung unterliegt, vor Augen.
Peter Baldinger stellt mit seinen Pixelbildern erneut Überlegungen an, wie viel Information ein Bild trans-
portiert und wie viel Information notwendig ist, um den dargestellten Menschen oder Gegenstand zu identifizieren. Der Wissenschaftler Leon D. Harmon hat sich in einem 1973 erschienenen Artikel eben diesem Themenfeld – der
Erkennbarkeit von Gesichtern aufgrund weniger Parameter – auf wissenschaftlicher Ebene gewidmet (Leon D. Harmon, The Recognition of Faces, in Scientific American Magazine Vol. 229, Nr. 5, November 1973, S. 70-83). Er führte Tests mit Bilderrasterungen in Pixeln durch und entwickelte ein System von „Block Portraits“, um den notwendigen Informationsgehalt bei Probanden abzufragen. Dabei wurden 16×16 Quadrate als Minimum-Auflösung für die Erkennbarkeit definiert. Harmon kam mit seiner wissenschaftlichen Methode zu einer gleichen Erkenntnis wie die Rezipienten von Baldingers Bildern, nämlich dass die Betrachtung aus Distanz die Erkennbarkeit erleichtert.
Den geometrischen Raster wendet der Künstler nicht nur in seiner Porträtmalerei an, Historienbilder, Blumenstillleben oder Alltagsgegenstände werden ebenso zu Bildvorlagen. Er hat diese formale
Vergröberungsmethode auch ins große Format übertragen. 2008 gestaltete Baldinger das Café Maskaron im Schloss Esterházy in Eisenstadt mit einem barocken Himmel, für den der Barockmaler Franz Anton Maulbertsch Pate stand. Dafür erhielt er den Architekturpreis des Landes Burgenland. Die temporäre Intervention „History Steps“ in der schwarzen Adlerstiege des Leopoldinischen Trakts der Hofburg zeigte im historischen Ambiente Pixelbilder zur Geschichte Österreichs in denDeckenfeldern und das an der bedeutenden Stelle auf dem Weg zum Amtssitz des Bundespräsidenten.
In einer aktuellen Schau „Old Masters – New Pieces“ im Danubiana Meulensteen Art Museum in Bratislava (31. März bis 3. Mai 2026) stellt Peter Baldinger eine Auswahl seiner „low-resolution“-Werke ausgewählten „Diffusion“-Arbeiten gegenüber. In dieser Gegenüberstellung werden unter anderem zwei Bilder, deren Referenz jeweils Raffaels Bildnis von Papst Julius II. ist, nebeneinander präsentiert. Das Papstporträt hat Baldinger einmal in der Methode seiner gerasterten Pixelbilder und ein weiteres Mal als „Diffusion“-Variante umgesetzt.
Entgrenzung der Form
Während der Künstler für seine Pixelbilder die Methode einer digitalen Rasterung, die dann in Malerei übersetzt wird, anwendet, betrachtet er seine Sujets für die „Diffusions“ wie bereits erwähnt durch Riffelglasscheiben. Dieser visuelle Filter verunklärt die Motive, deren Form und Kontur aufgelöst wird und eine besonders malerische, atmosphärische Wirkung erzeugt. Die Formen scheinen ihren Aggregatszustand zu verändern, sich zu verflüssigen – der Effekt ähnelt der Spiegelung auf einer Wasseroberfläche. Baldinger hat eine Reihe von Akten in diesem Stil gemalt und die Modelle oft bildfüllend oder fragmentiert wiedergegeben. Mit der Verfremdungsmethode durch die Riffelglasscheibe werden die dargestellten Frauen abstrahiert und anonymisiert und so wird eine Ebene zwischen Modell und Beobachter eingezogen. Baldinger spielt mit der Ambivalenz von Erkennbarkeit und Unschärfe, von Nähe und Distanz sowie dem Verbergen und Enthüllen. Neben den „Nude Diffusions“ sind die Serien „Flash“, „Skull“ und „Most Wanted“ einer früheren Schaffensphase in diesem Stil zuzuordnen. In der Werkserie „Flash“ reflektiert der Maler abermals über mediale Bilder, vorrangig Abbildungen von Frauen in Zeitschriften. Die Gesichtszüge der Modelle sind wie durch Blitzlicht ausgelöscht, der Rezipient sieht wieder gesichtslose, anonyme und fragmentierte Bilder von Frauen, deren Identität unklar bleibt. Menschen des öffentlichen Lebens scheinen uns oft vertraut, dabei sehen wir ein gefiltertes Medienbild. Medial vermittelte Bilder prominenter Persönlichkeiten sind Fragmente und werden oftmals zur Projektionsfläche für unsere eigenen Vorstellungen. Peter Baldinger arbeitet mit klar erkennbaren visuellen Filtern, mit der Auswahl seiner Motive erschließt sich auf einer Metaebene, dass jedes mediale Bild gefiltert ist und nur eine ausschnitthafte Realität wiedergibt.
Abermals kommen in den genannten Serien neben medialen Inszenierungen auch Themen aus der Kunstgeschichte zur Umsetzung. Der Totenkopf hat eine lange kunsthistorische Bildtradition und hat als Symbol für Vergänglichkeit eine zeitlose Relevanz. Aufsehenerregend hat Damien Hirst dem Vanitas-Motiv mit „For the Love of God“, einem mit 8.601 Diamanten besetzten Totenschädel, ein zeitgenössisches Denkmal gesetzt. Auch Baldinger greift das Sujet sowohl in seinen „Diffusion-Skulls“ als auch als „low_resolutions“ wiederholt auf. Die Reflexion der Endlichkeit steht auch im Zentrum von Baldingers Paraphrasen nach Holbeins „Bildern des Todes“. Hans Holbein der Jüngere führt in seinen Holzschnitten vor Augen, dass vor dem Tod alle gleich sind – den Bettler und den Edelmann unterscheidet nichts mehr im Angesicht des Todes. Das alte Leitmotiv des Totentanzes übt auf Peter Baldinger eine Faszination aus, der er in seiner eigenen Bildserie „Danse Macabre“ Ausdruck verliehen hat. Die Auflösung der Form in Baldingers Todesdarstellungen findet ihr inhaltliches Äquivalent im unausweichlichen Zerfall. Die Sterblichkeit als letztgültige Wahrheit, sie überdauert in der Kunst.