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DER AKT IM WERK VON PETER BALDINGER (2025)

Die Aktdarstellung hat in der bildenden Kunst von Antike bis zur Gegenwart eine große Bedeutung. Der Akt veranschaulicht die Körperbilder und -normen der jeweiligen Zeit und gibt Aufschluss über das Menschenbild, das Verhältnis zur Natur, Moralvorstellungen und gesellschaftliche Gegebenheiten. Den idealisierten männlichen und weiblichen Akten der Antike lagen präzise anatomische Studien zugrunde, die auch in der Renaissance wieder besonderes Augenmerk erhalten sollten. Während der Akt in der Renaissance oder im Barock vorwiegend Teil mythologischer oder allegorischer Darstellungen war, wird er im 19. und vor allem 20. Jahrhundert zum eigenständigen Bildgegenstand. Schon um 1800 sorgt „Die nackte Maja“ von Francisco de Goya für Aufruhr und die Identität der nackten Frau wurde zu einer zentralen Fragestellung.

Die Individualisierung des weiblichen Aktes ist auch in einem weiteren Schlüsselwerk der Kunstgeschichte – „Olympia“ von Édouard Manet – ein wesentlicher Faktor. Hier wird keine historische, idealisierte Frau gezeigt, sondern ein zeitgenössisches Individuum. Jeglicher erkennbaren Individualität ist hingegen der weibliche Körper in Gustav Courbets „Ursprung der Welt“ beraubt, indem der extrem fragmentierte Bildausschnitt in schonungslosem Realismus den Blick auf gespreizte Schenkel und das Geschlecht der Frau preisgibt. Die Bilder aus den vergangenen beiden Jahrhunderten werden heute in Hinblick auf den Aspekt des männlichen Blicks auf den weiblichen Körper kontrovers diskutiert. Zahlreiche Akte des 19. Jahrhunderts, wie beispielsweise Ingres Haremsbilder und Badende, werden nach erweiterten Gesichtspunkten besprochen. Der Orientalismus der Zeit – die Darstellung nackter, exotischer Frauen – sagt nicht nur etwas über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, sondern auch über generelle kulturelle Machtverhältnisse und einen Eurozentrismus aus. Die Aktdarstellung ist immer auch Projektionsfläche sozialer Veränderungen in Hinblick auf Geschlechterrollen, Ethnizität und Zugehörigkeit zu bestimmten Gesellschaftsschichten.

In Peter Baldingers Œuvre spielen kunsthistorische Vorbilder vom Mittelalter bis in die Gegenwart eine bedeutende Rolle. Zahlreiche Paraphrasen nach ikonischen Bildern der Kunstgeschichte, darunter auch etliche Akte, bezeugen diese Auseinandersetzung. So hat Baldinger etwa Goyas „Nackte Maja“ in mehreren Varianten paraphrasiert, Ingres „Badende“ in seine individuelle Bildsprache übersetzt sowie eine eigene Version nach Courbets „Ursprung der Welt“ geschaffen. Zuletzt hat der Künstler eine Serie nach Willem de Koonings „Women“ gemalt, die 2024 in Wien ausgestellt wurde. Dabei werden de Koonings expressive Frauenakte noch weiter abstrahiert und in einer, für Baldingers Formensprache spezifischen, Verfremdung wiedergegeben.

Peter Baldinger widmet sich dem Genre Akt bereits seit mehr als 20 Jahren. Neben den genannten Paraphrasen umfasst sein Werk zahlreiche Aktdarstellungen nach Modellen aus seinem Umfeld sowie Vorlagen aus Medien respektive Zeitschriften. Seine Körper sind vielfach fragmentiert, vor neutralen Hintergründen und die Leinwand füllend dargestellt. Die Weiblichkeit der Körper, Brüste und Geschlecht stehen im Fokus und unterstreichen den erotischen Aspekt des Bildthemas. Formal bedient er sich dabei eines visuellen „Filters“, der die Motive auflöst und verunklärt. Die Modelle sind durch Riffelglas betrachtet und werden durch diese Abstraktion ihrer Erkennbarkeit beraubt. Der malerische, atmosphärische Charakter der „Diffusions“ wird durch dieses Stilmittel intensiviert und es entsteht eine reine Farbwelt mit aufgelösten Konturen. Der haptische Eindruck von Haut und Körperlichkeit steht im Vordergrund und wird mit einem freien Pinselduktus vom Künstler auf die Leinwand oder Papier aufgetragen.

Die Ambivalenz zwischen Verbergen und Enthüllen, Nähe und Distanz sowie Erkennbarkeit und Unschärfe ist besonders reizvoll und zeigt, dass der Künstler dem Wesen der Aktmalerei auf den Grund geht. Der nackte Körper ist Sinnbild für Verletzlichkeit und Intimität – er suggeriert Nähe, gleichzeitig wird diese Nähe durch Baldingers Stilmittel mit seiner diffusen Auflösung des Gegenständlichen gebrochen. Seine Modelle sind anonymisiert, die Gesichtszüge ausgelöscht und Verfremdungsfilter wie eine Zwischenebene zwischen Modell und Beobachter eingezogen, was die Objektivierung und Sexualisierung der Dargestellten forciert.
Die Dualität von Sichtbarem und Nicht-Sichtbarem, von Gegenständlichkeit und Abstraktion bestimmt das Schaffen von Peter Baldinger. Er setzt sich intensiv mit Wahrnehmung auseinander und fordert die Betrachter zu einem zweiten Blick und in weiterer Folge auch zu differenziertem Denken auf. Seine

Verfremdungsmechanismen, ob die Betrachtung durch Riffelglas oder die Auflösung des Gegenständlichen in grob gerasterte Pixel (low_resolution Serie), zielen bewusst auf eine Störung der Sehgewohn-heiten der Rezipienten ab. Das soll die Betrachter seiner Bilder nicht nur zur gründlichen Beobachtung anregen, es lässt darüber hinaus auch Raum für die Vorstellungskraft. Die Imagination und Wunschbilder der Zuschauer sind eine wesentliche Komponente – der unbekleidete Körper bietet eine Reflexionsmöglichkeit für die Betrachter. Das haben Baldingers Akte mit den für ihn wichtigen kunsthistorischen Referenzwerken gemeinsam.

PETER BALDINGER IM PORTRAIT

Als news.at mich in meinem Atelier besucht hat, ist dabei ein Beitrag über meine Arbeit und meinen Zugang zur Kunst entstanden. Im Artikel und im...

NUDE DIFFUSIONS

4.–23. September 2025
zeigt Akte von PETER BALDINGER aus der Serie Nude-Diffusions, kuratiert von ANNE AVRAMUT...